Das Rückstabieren der Kette Flughafen-Stadt-Land führt zur Entdeckung der ungleich gravierenderen Asymmetrie von Stadt und Land. Als mystisches Außen der Stadt muß das Land in Relation zur laufenden Urbanisierung erhebliche Gewichtsverluste hinnehmen. Zum bestaunbaren Freilichtmuseum mutiert, wird die politische Bedeutungslosigkeit im allgemeinen durch die Nähe, den Bezug oder die Gleichsetzung mit authentischer Natur positiv aufzuwiegen versucht. Claudia Muchas Fotografien reflektieren den ländlichen Raum in Bezug auf eine mögliche natürliche Schönheit der Landschaft, und zugleich hinterfragen sie den vermeintlich authentischen Status dieser Natur. Im Unterschied zu orthodoxen Positionen der Landschaftsdarstellung erzeugt ihre fotografische Praxis Ambivalenz: sie lokalisiert eine Zwischenzustandsform ästhetischer Landschaft im polaren Feld von profaner und idyllischer Landschaft. Objektklassen wie Bäume, Wald und See tauchen als Leitmotive von Naturerfahrung auf; aber keineswegs als Elemente unberührter Natur, sondern sozusagen mit funktionalen Einsprengseln, Kiesanlagen, betonierten Zugangswegen etc. kontaminiert. Als konkrete Elemente der" Menschenwelt" sind sie gleichsam vorgängige Kennzeichen einer schon immer vollzogenen Kulturation, Spuren einer längst abgeschlossenen Domestizierung der authentisch geglaubten Natur.

Michael Raff, Katalog "Menschenwelt",1996