Justin Hoffman
Drive-by-Shooting,2005

Claudia Muchas Fotoreihe "Erneuerbare Landschaften" macht sichtbar, wie sehr sich die Landschaft in Deutschland gegenwärtig verändert, und zwar in einem Ausmaß, wie es zuvor nur durch Elektrifizierung und Autobahnbau geschehen ist. Windkraftanlagen überziehen ganze Landstriche -manchmal zu sogenannten Parks gruppiert.Durch ihre imposante Höhe und die stattlichen Ausmaße ihrer Flügel sind sie in flachen Gebieten schon aus vielen Kilometern Entfernung zu erkennen. Nicht wenige zeigen öffentlich ihre Empörung über diese riesigen technischen Architekturen. Kulturprominenz wie Botho Strauss beklagt mit patriotischem Verve eine Zerstörung der deutschen Landschaft durch eine verfehlte Energiepolitik. Reinhold Messner warnt von Windparks als ein Phänomen, das die Landschaft globalisieren könnte (Reinhold Messner, Was ist Landschaft?, Vortrag vom 19.12.2002 in Ingenried Allgäu).Rund 9 Prozent des Energiebedarfs wird in Deutschland inzwischen durch erneuerbare Energien gedeckt. "Der Windenmühlenwahn" titelte Der Spiegel seine Ausgabe vom 29.3.2004. Aber was kann ökologisch und gesellschaftlich betrachtet falsch an der Förderung regenerativer Energien sein. Ist eine Transformation von Landschaft nicht hinzunehmen, wenn die Alternative Kernenergie mit all ihren Gefahren und politischen Folgen heißt? Doch unbestritten
hat die Errichtung von Windkraftanlagen die Landschaft neu strukturiert.Die hohen Türme, an denen die Rotoren mit ihren riesigen meist drei
Blättern hängen, überragen selbst Strommasten. Gewöhnlich treiben Propeller die Dinge an, an denen sie befestigt sind. Denkt man an Motorboote oder Propellerflugzeuge, so könnte man assoziieren, dass durch diese, im Erdboden verankerten Kraftwerke, der Erdball selbst angetrieben und in Bewegung versetzt wird. Wüsste man nicht, dass sich der Planet Erde bewegt, durch die installierten
Windkraftanlagen würde man es annehmen.
Mit ihren Fotografien entwirft Claudia Mucha ein neues Landschaftsbild. Dabei ist mit neu nicht nur eine neue Landschaft sondern auch ein neuartiges Erleben von Natur gemeint. Denn auch die Situation, wie Menschen Natur wahrnehmen, hat sich gewandelt. Heute sehen
Menschen Natur im Zustand der Bewegung, dann wenn sie mit Transportmitteln von Ort zu Ort fahren. Und mobil und flexibel zu sein, gehört zu den gesellschaftlichen Anforderungen, die an den Einzelnen heute gestellt werden. Natur wird großteils im Interimszustand des Fahrens und Reisens rezipiert. Aus dem Fahrzeug heraus erlebt der Mensch die Landschaft durch einen Behälter getrennt. Alle Aufnahmen von Claudia Muchas Windkraftanlagen wurden bewusst aus Autos, Schiffen oder Zügen hergestellt. Auf einen idealen Standpunkt wurde verzichtet, der Zufall als determinierender Faktor zugelassen. Häufig wird der Blick auf die Natur, z.B. durch Leitplanken sogar verstellt, damit Landstriche angeschnitten. Das Fenster, aus dem aufgenommen wird, erscheint bisweilen als intervenierendes, aber auch rahmendes Element des Bildes. Aber gerade wegen dieser Faktoren geben diese Arbeiten eine realistische und zeitgemäße Sicht auf die Natur wieder: getrennt durch eine Scheibe, abgebildet in und von einer Maschine. Diese Arbeitsweise verlangt eine strenge Selektion. Das Windkraftanlagen-Projekt wurde von Mucha auch aus diesem Grund als Langzeitprojekt konzipiert. Denn zahlreiche Fahrten sind nötig, um auf eine Sammlung von Bildern zu kommen, die den Ansprüchen der Künstlerin genügen und ihre Intentionen wiedergeben.
Durch die bewegte Aufnahmesituation entsteht eine Verwischung der Dinge im Vordergrund. Die daraus resultierende Unschärfe hat aber nichts mit Abstraktion im Sinne von Idealisierung zu tun, so wie man es von manchen Gemälden der Romantik kennt, auf denen Details die angestrebte Atmosphäre nicht stören dürfen. Nein, Details sind auf Claudia Muchas Fotos durchaus zu erkennen, aber die Elemente von Landschaft sind anders gewichtet. Dinge, die häufig als hässlich oder Natur zerstörend erscheinen, werden hier zu wesentlichen Bestandteilen der Komposition. Dabei ist
die Schönheit der Windkraftanlagen an und für sich weniger umstritten, als ihre Wirkung auf die Landschaft.
Eigentlich sind diese modernen Energieerzeuger in
ihrer Form gar nicht so weit vom Spielzeug des
Windrads entfernt, wirken wie Windräder für Erwachsene: An einer großen Stange steckt im 90 Grad Winkel als Zwischenglied eine Aufhängung, an dem die Rotorblätter befestigt sind. Im Unterschied zu den meist weißen Windkraftanlagen sind die kleinen Windräder jedoch bunt und häufig mit glänzendem Material beschichtet. Was für einen Eindruck von Landschaft würde es geben, wenn die Anlagen ähnlich vielfarbig
gestaltet wären? Schon beim Bau der ersten
Windkraftanlagen wurden ästhetische Aspekte miteinbezogen; man war sich der Verantwortung der
Wirkung dieser technischen Architekturen bewusst. Ein Pionier der Windenergie, der Künstler und Konstrukteur Ulrich Hütter, schrieb in seiner Dissertation im Jahr 1942 : "Im Übrigen darf bei einer geplanten großzügigen
Erschließung der Windenergie auch nicht vergessen
werden, dass das Bild der Landschaft durch die
vielen Anlagen ein eigenes Gepräge erhalten wird. Diese müssten daher in einem tieferen Sinne von einer zeitlosen Schönheit sein, so dass sie nicht in drei oder vier Jahrzehnten schon wieder als die schwer zu beseitigenden
Skelette (…) eine spätere Generation belasten."
Im Landschaftsbild bildet sich stets nicht nur die Landschaft sondern auch das Verhältnis von Mensch und Natur, von Künstler und Landschaft ab. Albrecht Altdorfer in der Renaissance, der das erste Landschaftsgemälde der Geschichte der Kunst herstellte, entwirft das Konstrukt einer idealen Landschaft, die vom Menschen gebändigt und kultiviert erscheint. Im 19.Jh. wird die Landschaft zum Ausdrucksmittel melancholischer, sehnsuchtsvoller oder naturreligiöser Sentimente. Auf den Fotografien von Claudia Mucha wirkt sie virtualisiert, durch Windows getrennt und in ihrer Struktur hybrid. Ein Hybrid aus technifizierter Zivilisation und mehr oder weniger nutzbar gemachter Natur, die auf jeden Fall erhalten werden soll. Regenerative Energien können hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

Katalog "Erneuerbare Landschaften"